«Wie eine Verabredung mit mir selbst » … Gaëlle Arquez über Carmen

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Ein Porträtbild der französischen Sängerin Gaëlle Arquez
Gaëlle Arquez © Ben Dauchez

Am 4. Oktober 2026 gab Gaëlle Arquez in Georges Bizets Carmen ihr Hausdebüt an der Deutschen Oper Berlin. Die Ikone der französischen Oper ist ihre absolute Paraderolle, die sie zahllose Male auf den Bühnen der Welt verkörpert hat. Gerade deshalb hat sie zu Carmen eine dezidierte und geschärfte Meinung. Im Gespräch vor ihrem Debüt verriet sie ihr ganz persönliches Verhältnis zur legendären Partie. Die Fragen stellte Aleksandra Bystrova.

    

Was verändert sich bei Ihnen persönlich, wenn Sie auf der Bühne zu Carmen werden?

Gaëlle Arquez: Carmen ist die Rolle, die ich in meiner Karriere am häufigsten gesungen habe, und jedes Mal ist es ein bisschen anders – auch wegen der unterschiedlichen Regiekonzepte. Am meisten mag ich an Carmen, dass diese Rolle zu spielen, wie eine Verabredung mit mir selbst ist: Wo stehe ich gerade mit mir, mit meinem Körper, mit meiner Stimme? Welche Energie kann ich in diesem Moment einbringen, in welcher Stimmung bin ich? Ich bin sehr sensibel für meine Umgebung und für meine Kolleg*innen. Was ich besonders liebe, ist die Zusammenarbeit im Team.

Und: Carmen kann auch eine Möglichkeit sein, Frustration loszuwerden. Dieses „Grrr!“ auszudrücken, das entsteht, wenn man im eigenen Leben nicht immer klare Grenzen setzen kann. Denn Carmen ist eine Figur, die selbst entscheidet: mit welchem Mann sie zusammen sein möchte und sogar, wie sie ihrem eigenen Tod begegnet.

Für mich ist es deshalb immer eine sehr introspektive Erfahrung. Diese kann unglaublich intensiv sein, aber auch lustig – eine Mischung aus vielen Gefühlen, aber immer aufregend.

Wenn Sie Carmen als Person treffen würden, was würden Sie tun? Was würden Sie ihr sagen? Würden Sie ihr einen Rat geben?

Das ist eine großartige Frage! Ich würde sie auf jeden Fall auf ein oder zwei Drinks einladen. Und ich würde sehr gerne von ihren Erfahrungen hören: nicht nur von ihren Erlebnissen mit Männern, sondern von ihrer Kindheit. Das finde ich bei der Auseinandersetzung mit einer Figur immer sehr interessant.

Carmens Persönlichkeit fasziniert mich. Ich habe das Gefühl, dass sie sich auf eine Weise verhält, die historisch eher Männern vorbehalten war, während sie im Körper einer Frau steckt. Gerade in einer Zeit, in der Frauen nicht dasselbe Recht genossen, ihre Meinung zu äußern oder selbst über ihr Leben zu entscheiden, besitzt sie eine faszinierende Stärke ... ja geradezu eine Autorität. Es ist ihr egal, was andere über sie denken – und das beeindruckt mich. In ihr steckt ein enormes Streben nach Freiheit, auch wenn genau das sie letztlich in den Tod treibt. Aber auf eine gewisse Weise akzeptiert sie das.

 Wie fühlen Sie sich am Ende, nachdem Sie Carmen gespielt haben?

Das hängt von sehr vielen Dingen ab. Zunächst davon, wie Carmens Tod inszeniert wird und wie Don Josés Verzweiflung und Wahnsinn interpretiert werden. Für mich geht es aber auch darum, diese Art Schicksal zu akzeptieren. Man hat immer eine Wahl, aber irgendwann trifft man eine Entscheidung, welchen Weg man bis zum Ende geht.

Heute erhält das noch einmal eine besondere Bedeutung: In Frankreich gibt es beispielsweise derzeit eine Debatte über das Recht, das eigene Leben zu beenden, wenn man schwer krank ist. Das bringt mich immer wieder dazu, darüber nachzudenken, was es bedeutet, den Preis einer Entscheidung zu akzeptieren.

Gleichzeitig empfinde ich es als zutiefst ungerecht. Nur weil man sich für den einen oder anderen Weg entscheidet, rechtfertigt das nicht, dafür mit dem eigenen Leben zu bezahlen.

Natürlich ist Carmen eine fiktive Geschichte. Aber diese Geschichte beeinflusst trotzdem die Art, wie wir über bestimmte Fragen im Leben nachdenken. Letztlich empfinde ich Carmen als unglaublich mutig, entschlossen und voller Würde.

 

Gaëlle Arquez bei den Proben zu Carmen mit dem Arenarund und vielen unterschiedlich hohen Treppenstufen hinter ihr. ©  Aleksandra Bystrova
Gaëlle Arquez bei den Proben zu Carmen mit dem Arenarund hinter ihr, das Erlend Birkeland für die Inszenierung von Ole Anders Tandberg gefunden hat © Arif Akdenizli
 

Mit den Eindrücken aus den Proben: Können Sie uns etwas über die konkrete Umsetzung dieser Inszenierung erzählen?

Ein Blick auf das Bühnenbild mit der gewaltigen Tribüne verrät schon, wie anspruchsvoll die szenische Interaktion hier werden kann. Die Stufen sind unterschiedlich hoch und wir müssen darauf gehen, rennen und auch fallen. Außerdem stehen wir auf einer Drehbühne. Man kann sich also vorstellen, wie komplex die Abläufe und Bewegungen hier werden. Aber das macht das Ganze auch unglaublich spannend.

 Was ist die größte Herausforderung beim Singen der Carmen?

Die größte Herausforderung ist die Länge der Partie und die damit verbundene Ausdauer, die sie erfordert. Carmen ist ein regelrechter Marathon. Zudem umfasst die Rolle eine enorme Bandbreite an Emotionen: Freude, Leichtigkeit, Verführung. Manchmal ist sie lustig, manchmal traurig. Und die Stimmung erlebt oft einen abrupten Wechsel wie etwa in der Kartenszene, als sie für sich die Karten legt und den Tod aufdeckt. Das ist ein sehr aufrichtiger Moment, in dem Carmen ihrem Schicksal wirklich in die Augen blickt. Und wenn man dann im Finale beim Schlussduett ankommt, muss man die gesamte Energie geben, die einem noch geblieben ist. Das ist ein extrem dramatischer Moment, der Energie benötigt – man muss also sehr bewusst mit seinen Kräften umgehen. 

Ist Carmen in Don José verliebt? Und was empfindet sie für Escamillo?

Das ist immer die große Frage. Meistens gibt die Regie darauf keine eindeutige Antwort. Das finde ich eigentlich sehr schön, weil ich dadurch meine eigene Geschichte entwickeln kann – eine Art verborgene Geschichte. Es hängt auch stark von der Verbindung zu meinen Kollegen ab. Sie können ihre Figuren ganz unterschiedlich interpretieren, und darauf kann ich wiederum reagieren und etwas Neues anbieten. Genau das ist für mich das Spannendste: Oper ist lebendig – jede Vorstellung ist anders. Carmen selbst hat für mich sehr menschliche Seiten. Ich versuche, ihr auch Aufrichtigkeit und Sensibilität zu verleihen. Sie ist nicht kaltherzig, auch wenn sie sich oft abweisend gibt. Und wer weiß? Vielleicht ist sie ja sogar ein bisschen verliebt.

 Was möchten Sie, dass das Publikum aus dieser Vorstellung mitnimmt?

Zunächst einmal ist Carmen ein Meisterwerk. Diese Musik ist unglaublich überwältigend – man möchte tanzen, sie bleibt im Kopf, sie kann einen regelrecht verfolgen. Aber auch diese Inszenierung ist etwas Besonderes. Wir verbinden traditionelle Elemente mit Ironie und Humor, was für eine Tragödie eher ungewöhnlich ist. Ich mag diese Mischung sehr. Sie gibt dem Publikum die Möglichkeit, zwischendurch ein wenig durchzuatmen und etwas Abstand zu gewinnen, weil die Geschichte so intensiv ist. Ich wünsche mir, dass das Publikum mit Gänsehaut nach Hause geht – aber auch mit Gedanken über die Stärke von Frauen und darüber, was es bedeutet, als Frau frei zu sein.

Natürlich spielt auch das Thema sexualisierte Gewalt eine Rolle. Aber ich möchte, dass das Publikum vor allem diese starke Frau sieht. Carmen ist ein Mythos, ein Symbol. Sie ist nicht einfach nur eine femme fatale – sie ist viel mehr als das. Hinter ihrem Verhalten steckt sehr viel. Sie besitzt einen starken Instinkt, aber ihr Denken ist ihrer Zeit auch weit voraus.

    

 

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