Eine Reise zu sich selbst

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Ein Porträtbild von Titus Engel
Titus Engel © Kaupo Kikkas
 

Titus Engel im Gespräch mit Konstantin Parnian

Sie haben Stockhausens Donnerstag aus Licht 2016 als Ganzes in Basel zur Aufführung gebracht, sind also mit dem Stück vertraut. Was für eine Rolle nimmt darin Michaels Reise um die Erde ein? Was zeichnet dieses Werk aus?

Titus Engel Michaels Reise ist das Kernstück in Donnerstag aus Licht, dessen Hauptfigur inspiriert ist vom biblischen Erzengel Michael und über den ganzen Zyklus Licht hinweg die gute Seite symbolisiert, die schöpferische Kraft. Nachdem der erste Akt, Michaels Jugend, in die Handlung einführt, begeben wir uns im zweiten Akt auf eine Reise mit verschiedenen Etappen, bevor der Protagonist anschließend in Michaels Heimkehr feierlich zurückkehrt und seinen Kampf gegen Luzifer antritt. Das Besondere, was man erstmal so nicht erwarten würde: Obwohl es sich bei Michaels Reise um den zweiten Akt einer Oper handelt, gibt es gar keinen Gesang. Stattdessen wird Michael hier durch einen Trompeter dargestellt. Im Grunde handelt es sich um ein gewaltiges Trompetenkonzert, was das Werk für konzertante Aufführungen prädestiniert. Doch auch für Aufführungen in Konzertsälen fordert Stockhausen genaue Bewegungen und Gesten, welche die Instrumentalsoli zu vollführen haben. Insgesamt ist das Werk sehr szenisch gedacht: Der Solo-Trompeter kommuniziert mit den verschiedenen Instrumentengruppen, und hat gleichzeitig sehr virtuose Parts. Ebenso wird das Orchester enorm gefordert, in den Instrumentalgruppen sind viele kleinere Solo-Passagen zu bewältigen, die eine Interaktion zwischen dem Trompeter und einzelnen anderen Instrumenten herstellen.

Wie sehen die Herausforderungen konkret aus? Wie nähert man sich so einer Partitur?

Titus Engel Wie schwer Michaels Reise zu spielen ist, zeigt sich schon an der äußerst komplexen und akribischen Notation. Stockhausen war ein regelrechter Nerd der Temporelationen, seine Begeisterung für Zahlenverhältnisse zeigt sich darin, dass die Tempi auf einer 12-stufigen Skala, analog zu einer Zwölftonreihe aufgebaut sind. Fast in jedem Takt ist ein anderes Tempo angegeben und es gibt sogar Metronomangaben mit Kommazahlen. Als Dirigent muss man sich extrem gut vorbereiten. Dafür habe ich ein eigenes Metronom gebaut, mit dem ich trainieren kann, um diese genauen Vorstellungen von Stockhausen umzusetzen. Die Proben mit dem Orchester fingen schon vor dem Sommer an, und wir haben in kleineren Grüppchen gearbeitet, bevor das Ganze zusammengesetzt wurde. Wenn man sich all das Handwerkliche gut draufgeschafft hat, eröffnet das Stück tatsächlich eine große Freiheit. Das ist sehr typisch für Stockhausen: Die Konzeption ist sehr klar, formal auch sehr streng, gleichzeitig gibt es große Spielräume. Das Grundgerüst ist mathematisch durchkonstruiert, trotzdem birgt die Musik eine starke Emotionalität. Von besonderer Bedeutung ist in Michaels Reise auch die Klangregie, die eine Schlüsselrolle für die Verräumlichung spielt. Die Instrumente werden live abgenommen und im Raum herumgeschickt. Wir hören also nicht nur etwas von vorne, wie in der Oper und im Konzert üblich, sondern von verschiedenen Seiten – es gibt regelrechte Surround-Effekte.

Abgesehen von der Komplexität der musikalischen Ebene: Wie erzählt sich in Michaels Reise eine Handlung so ganz ohne Sängerinnen und Sänger?

Titus Engel Jede Station auf der Reise hat eine spezifische musikalische Faktur. So erklingen etwa Instrumente, die mit einem bestimmten Lokalkolorit assoziiert werden, wie Bongos oder die Keisu, eine Kesselglocke, die in japanischen Tempeln beheimatet ist. Dabei geht es weniger darum, authentische musikalische Sphären der bereisten Orte zu erzeugen, als ein möglichst vielseitiges und diverses Klangpanorama zu präsentieren. Stockhausen hat dafür mitunter eigene Spielweisen entworfen, bei denen z. B. mit Papprohren am großen Tamtam entlanggeschrubbt wird. Die Wirkung dieser kreativ erdachten Klangerzeugung steht sinnbildlich für die neuen Eindrücke, die Michael auf seiner Reise aufnimmt und erlebt. Aber auch die angesprochene Kommunikation zwischen den Instrumenten hat ein klares narratives Moment. Das Schwalbenpärchen, bestehend aus Klarinette und Bassetthorn, ist nicht nur eine clowneske Einlage, sondern steht als Vorbote für die Begegnung zwischen Michael und Mondeva, deren gemeinsame Liebesgeschichte im späteren Verlauf durch das gegenseitige Umspielen von Trompete und Bassetthorn deutlich gemacht wird. Der Konflikt mit Luzifer hingegen schlägt sich in einem regelrechten Kampf zwischen der Trompete und den Posaunen nieder.

Was machen all diese Erfahrungen mit Michael? Wie wirkt sich die Reise auf unseren Protagonisten aus?

Titus Engel Im Grunde ist diese Reise um die Welt auch eine Reise zu sich selbst. Ich denke, wir kennen das alle: Wenn wir reisen, dann verändern wir uns auch im Inneren durch die frischen Eindrücke, die wir erleben. Dadurch, dass Michael so viel Neues kennenlernt, was ihm bisher fremd war, wächst er auch innerlich, wird gewissermaßen erwachsen – nicht zufällig heißt der vorangegangene Teil Michaels Jugend. Hinter der dramaturgischen Anlage verbirgt sich natürlich auch die klassische Heldenreise, was die Verbindung zum zweiten Werk des Programms verdeutlicht, Richard Wagners Parsifal, von dem wir Auszüge aus dem dritten Aufzug spielen. Dieser verhandelt die Rückkehr Parsifals zu den Gralsrittern, analog zu Michaels Heimkehr, welche in der Oper Donnerstag als dritter Akt folgen würde. Kurzgesagt begeben wir uns also mit Stockhausen auf die Reise und kehren dann mit Wagner zurück. Und auch Parsifal hat schließlich einen inneren Wandel durchlebt und Abenteuer bestritten, um den Speer zu gewinnen, der endlich die Erlösung bringt. Eine offenkundige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Werken sind auch die vielen religiösen Symbole, die sowohl in Parsifal als auch in Stockhausens Zyklus Licht stecken und dazu dienen, um auf ihre jeweilige Weise einen eigenen mystischen Kosmos zu beleben. Interessant ist auch eine kompositorische Gemeinsamkeit: Wagners Leitmotivtechnik führt Stockhausen in die Moderne, in dem er für den ganzen Lichtzyklus eine Superformel benutzt. Diese Superformel enthält nicht nur die melodischen Motive der Hauptprotagonisten Michael, Eva und Luzifer, sondern ist auch formaler Kernplan des ganzen Zyklus. Klanglich ist gerade der Kontrast reizvoll zwischen Stockhausens bewegterer, teils stark rhythmisierter, oft auch sehr kammermusikalischer Musik und Wagners großen Klangflächen, die eine andächtige, intime Stimmung ausbreiten.

Welche Rolle spielt dabei 4‘33“ von John Cage? Ein Werk, das ausschließlich aus Pausen besteht und in dem kein einziger Ton erklingt.

Titus Engel John Cage hat mit diesem legendären Werk mitunter gezeigt, dass so etwas wie absolute Stille nicht existiert. Bei 4‘33“ geht es letztlich darum, was passiert, wenn viele Menschen zusammenkommen und mehrere Minuten miteinander Stille erleben. Auch das hat zweifellos etwas Andächtiges oder kann ein Hineinhorchen in sich selbst bedeuten. Damit berührt das Stück Themenkomplexe, die für beide anderen Werke von zentraler Bedeutung sind. Außerdem besteht zu Stockhausen allein schon musikhistorisch eine Verbindung, da Cage als Zeitgenosse in manchen Punkten ähnliche Ansätze verfolgte, über sein gesamtes Schaffen hinweg aber ganz andere Wege einschlug. Aufgrund ihrer gewaltigen Bedeutung widmen wir den zwei Größen des 20. Jahrhunderts Stockhausen und Cage noch weitere Projekte in dieser Spielzeit 2026/27. Eine spannende Verbindung zwischen Cages 4‘33“ und Wagners Parsifal offenbart sich erst bei genauerer Betrachtung: Lange war es in Bayreuth üblich, nach dem ersten Aufzug des Parsifal nicht zu applaudieren. Indem wir solch einen Moment der Stille dem Parsifal voranstellen, aktualisieren wir diese Tradition. Abgesehen davon wirkt sich dieser Moment der Stille nicht nur auf das Publikum aus, sondern auch auf die Musizierenden. Wir begeben uns dadurch anders in den dritten Aufzug des Parsifal. Eine intensive gemeinsame Erfahrung mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin, auf die ich mich sehr freue.

Wie erleben Sie die Arbeit mit dem Orchester und wie blicken Sie auf Ihre neue Rolle als Conductor in Residence?

Titus Engel Die Vielseitigkeit dieses Orchesters ist beeindruckend. Von Mozart über Verdi und Puccini bis hin zu Wagner wird hier ein großer Teil des klassischen Opernrepertoires auf absolutem Weltklasseniveau geboten. Gleichzeitig sind Uraufführungen und Werke der Avantgarde keine Ausnahmen, sondern gehören regelrecht zum Tagesgeschäft. Darüber hinaus gibt es die aus dem Orchester heraus entstandene BigBand, mit der ich bereits zwei sehr besondere Programme realisieren durfte im Bereich zwischen Jazz und Neuer Musik. Dieser Facettenreichtum und die enorme künstlerische Qualität des Orchesters der Deutschen Oper Berlin erfüllen mich mit großer Vorfreude auf die weitere gemeinsame Arbeit.

    

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