Musikalisches Schaffen zwischen Verwandlung und Symbiose

In einzelnen Lichtkegeln stehen die einzelnen Musiker*innen mit ihren Instrumenten. Zwischen ihnen nur das Schwarz der Bühne.
Eine Szene aus The Alonetimes © Cyril Marcihacy
 

 

Stéphane Roth, Direktor des Festival Musica Strasbourg, über The Alonetimes als eine Reflexion über Einsamkeit und über das Zusasammentreffen zweier scheinbar gegensätzlicher künstlerischer Persönlichkeiten: Jennifer Walsh und Philip Venables 

    

The Alonetimes ist eine fragmentierte Archäologie persönlicher Geschichten, eine vielstimmige Collage von Momenten des Alleinseins, die sich über Zeiten und Räume hinweg miteinander verweben. Sechs Performer*innen schlüpfen in unterschiedliche Stimmen und Leben hinein und wieder heraus. Sie erzählen Geschichten, wie wir sie alle mit uns tragen – wie kleine Kieselsteine in unseren Taschen; Geschichten, die wir erzählen müssen, um sie eines Tages ablegen zu können. Um weiterzugehen, statt zwischen Vergangenheit und Gegenwart gefangen zu bleiben.

Mal tief bewegend, mal von abgründigem Humor durchzogen, verwebt The Alonetimes semi-autobiografische Geschichten und historische Texte: zerbrochene Freundschaften, unbeholfene sexuelle Begegnungen, stille Momente der Erkenntnis, Midlife-Crisis, emotionale Zusammenbrüche und Online-Dating-Profile. Worte, die nicht über die Lippen kommen, und Worte, die sich unkontrollierbar Bahn brechen. Durch dieses kaleidoskopische Minenfeld führt ein fluchender, pausenlos an seiner E-Zigarette ziehender Druide aus dem Jahr 3300 vor Christus. Er treibt die Menschen auf der Bühne wie im Publikum dazu an, sich dem ganzen Mist ihrer Vergangenheit zu stellen, endlich Frieden damit zu schließen – und sich vielleicht ein bisschen weniger allein zu fühlen.

Ein Druide vollzieht ein Ritual, um unsere tiefsten, längst verschütteten Erinnerungen heraufzubeschwören; eine Frau versucht, sich in der tiefen Einsamkeit unglücklicher Beziehungen zurechtzufinden; zwei Jungen setzen aus Klarinettenklängen, Offenbarungen und glitzernden Madonna-T-Shirts die Bruchstücke einer Geschichte zusammen; eine niederschmetternde Textnachricht trifft ein; eine Frau ergründet die Verführungskünste selbsternannter Alphamänner und ein Yogalehrer denkt darüber nach, welche Lektionen fürs Leben uns das Fernsehen erteilt hat. – Eine kurze Handlung von Marion Raimbeaux

Obwohl Jennifer Walshe und Philip Venables aus zwei sehr unterschiedlichen künstlerischen Welten und Arbeitsweisen kommen, verbindet sie die Liebe zum Geschichtenerzählen, zur Collage, zur Stimme und zum Musiktheater in seiner eklektischsten Form. Beide verweben häufig Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben mit ihrer Arbeit und suchen nach einer direkten, körperlich spürbaren Verbindung zum Publikum: nach einem Musiktheater, das fragen kann, was es bedeutet, am Leben zu sein, und das offen und unverstellt über menschliche Beziehungen spricht.

In The Alonetimes lassen Walshe und Venables ihre künstlerischen Handschriften aufeinanderprallen – voller Neugier, Spielfreude und Lust am gemeinsamen Experiment. Sie schreiben übereinander, ineinander, unter die Zeilen des jeweils anderen. Was daraus entsteht, ist ein Abenteuer.

The Alonetimes ist kein Musikwerk wie jedes andere. Auf Initiative der Fondation Cartier und des Festival Musica bringt das Projekt zwei bedeutende Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musikszene zusammen. Dabei geht es um mehr als eine Begegnung: Sie sind eingeladen, sich zu hybridisieren, ihre Sprachen, Klangwelten und Visionen miteinander zu teilen und zu verändern – und gemeinsam Grenzen zu überschreiten.

Zwei Porträtbilder der Künstler*innen Jennifer Walsh und Philip Venables. Er trägt an seinen über sein Gesicht gespreizten Fingern schwarzen Nagellack, sie hat in ihrem Gesicht große geschminkte Kreise u. a. über den Lippen (rot) , über der rechten Braue (blau) und über dem linken Auge (goldgelb).
Philip Venables und Jennifer Walshe © Promo
 

Jennifer Walshe und Philip Venables: ein unerwartetes Duo, zwei scheinbar gegensätzliche künstlerische Persönlichkeiten, die zuvor noch nie zusammengearbeitet hatten – und sich doch als erstaunlich komplementär erweisen. Walshe dekonstruiert Neue und experimentelle Musik, indem sie sie gezielt mit Fragestellungen durchdringt, die weit über die Musik selbst hinausreichen – von der Klimakrise über künstliche Intelligenz bis hin zum Zusammenleben mit anderen Spezies und zu volkstümlichen Traditionen. Venables hingegen erforscht mit kühnen dramaturgischen Verfahren die Subjektivität und Heterogenität kollektiver Emotionen – sowohl in der Oper als auch in der Kammermusik. Sie schöpft aus ihrer irischen Herkunft – aus ihren volkstümlichen, revolutionären und mythischen Überlieferungen; ihn prägten englischer Beton und Post-Punk – als einer, der mit dem Thatcherismus und dem Modernitätsversprechenseiner Jugend brach.

Wie kann sich seine emotional sensible musikalische Sprache mit dem entfesselten Kaleidoskop von Jennifer Walshes Kunst verbinden? Und umgekehrt: Wie kann ihre radikale Suche nach dem Gemeinsamen jene emotionalen Singularitäten einschließen, die Philip Venables’ Werk durchziehen? 

Jennifer Walshe und Philip Venables begegnen sich vor allem darin, dass beide häufig Themen behandeln, die zugleich intim und kollektiv sind. In Minor Characters (2023) setzt sich Walshe mit sexualisierter Gewalt auseinander; Venables erinnert in Answer Machine Tape, 1987 (2022) an die AIDS-Krise in der queeren Community New Yorks.

Immer wieder greifen beide auf autobiografisches oder autobiografisch inspiriertes Material zurück. Ihre Werke stellen zugleich die Frage, wen Kunst erreicht, welche Generationen sie anspricht und welchen Gemeinschaften sie eine Stimme geben kann.

Auch ihre jüngsten Opern belegen dies: In We are the lucky ones (2025) zeichnen Venables und Ted Huffman das Porträt einer ganzen Generation – der Babyboomer. Jennifer Walshe und Mark O’Connell wiederum setzen sich in Mars (2025) mit den Verheißungen ferner Planeten und den Erscheinungsformen eines zeitgenössischen Technofaschismus auseinander.

Die Gegenwart befragen. Verantwortung für Gemeinschaften und Ökosysteme übernehmen. Einer Politik der Gleichgültigkeit entgegentreten. Hier finden die scheinbar so unterschiedlichen künstlerischen Kräfte der Komponist*innen Walshe und Venables zueinander.

The Alonetimes ist eine Reflexion über Einsamkeit – als eine Erfahrung unserer Zeit, verschärft durch die digitale Kultur, ins Extreme getrieben während der Pandemie und in den Kriegsgebieten der Gegenwart. Einsamkeit erscheint als Gefangenschaft in Raum und Zeit, als zutiefst individueller Zustand, der doch immer eine Sehnsucht in sich trägt: gesehen zu werden, Anerkennung zu finden, Erfahrungen mit anderen zu teilen.

Um dieser Erfahrung Gestalt zu verleihen, haben die Komponierenden sechs Solist*innen zusammengebracht – sechs Einzelne, sechs Einsame. Ein außergewöhnliches Ensemble, eine Konstellation unterschiedlicher Stimmen, Fähigkeiten und künstlerischer Visionen, die die Grenzen dessen erweitert, was Performance sein kann. In einem gemeinsamen Raum finden sie sich zu einer Art Bruchstück-Ensemble zusammen. Schicht um Schicht legen sie Vergangenes frei, durchstreifen persönliche Erinnerungen und verschüttete Geschichten. Als vielseitige Musiker*innen erscheinen sie wie fragile, flüchtige Gestalten – Zeitreisende. Gemeinsam bilden sie ein lebendiges, klingendes Netzwerk: Niemand kann ohne die anderen existieren; niemand klingt oder tritt in den Fokus, ohne die anderen. Aus zerrissenen Verbindungen, vergrabenen Geschichten und versunkenen Welten eine Gemeinschaft entstehen zu lassen: Das ist der schmale Grat, auf dem Jennifer Walshe und Philip Venables sich gemeinsam bewegen.

    

OnePager Projekt starten
1

Wählen Sie den Namen der neuen Page

Zusammen mit der Adresse (URL) der Basisseite ist Ihr Projekt sofort unter dieser neuen Internetadresse verfügbar.

weitere Infos

Editor Mode
2

Inhalte nach Ihren Vorstellungen einrichten.

Erste Daten, Bilder, Videos sowie persönlichen Daten haben wir bereits für Sie als Beispiel hinterlegt.

weitere Infos

Seitenbereiche / Slides
3

Jedes Slide hat einen eigenen Editor

Mit dem Wechsel eines Slide wird der zugehörige Editor eingeblendet. Auf der rechten Seite bearbeiten Sie die Inhalte.

weitere Infos

Erneut bearbeiten
4

Verborgener Button links unten in der Ecke

Via MouseOver wird der Button für den Editor Mode sichtbar, um Inhalte später erneut anpassen zu können.

weitere Infos

OnePager anlegen / bearbeiten