Sinfoniekonzert: Licht auf Parsifal

Schlussszene der Uraufführung des Parsifal im Bayreuther Festspielhaus, 1882.
Farblithographie von C. Ritter nach einer Fotographie / © akg-images
 

 

Ein Auszug aus dem Programmheft-Text zum Konzert am 8. September 2026 im Konzerthaus von Magdalena Zorn

Was verbindet die musikalische Romantik mit dem musikalischen 20. Jahrhundert? Die Frage ist berechtigt, handelt es sich doch um zwei musikgeschichtliche Etappen, die durch große Kriege scheinbar schroff voneinander getrennt wurden. Auch das Programm des Konzerts am 8. September im Rahmen des Musikfests wirft die Frage auf, indem es Ausschnitte aus dem dritten Aufzug des Parsifal und Karlheinz Stockhausens Licht kombiniert. Deutlich wird dabei, dass die deutsche Musikgeschichte zwischen Richard Wagner und dem Avantgardisten Karlheinz Stockhausen (1928 –2007), einer prägenden Figur der seriellen und elektronischen Musik nach 1950, eine Reihe an musikalischen und außermusikalischen Leitmotiven herausgebildet hat, die bei oberflächlicher Betrachtung im Unklaren und Verborgenen verbleiben würden. Stockhausen arbeitete von 1977 bis 2003, über 26 Jahre hinweg, an seinem aus sieben Einzelopern bestehenden Zyklus für Solo-Stimmen, Solo-Instrumente, Solo-Tänzer, Chöre, Orchester, Tänzer, Mimen sowie elektronische und konkrete Musik. Das Projekt wurde von Anfang an sowohl szenisch als auch konzertant konzipiert. So setzen sich die sieben Opern, die nach den Wochentagen von Montag bis Sonntag benannt sind, aus insgesamt 164 selbstständig aufführbaren und in der Tat auch gesondert konzertant uraufgeführten Einzelkompositionen zusammen.

Wagner versus Stockhausen

Aufgrund seiner enormen Ausdehnung wurde Licht in der Vergangenheit wiederholt mit Wagners Musiktheater-Tetralogie Der Ring des Nibelungen in Verbindung gebracht. Von dem Zeitpunkt an, als die Details des von Stockhausen auf Jahrzehnte hin angelegten kompositorischen Unterfangens publik wurden, zogen Autoren in der Tages- und Fachpresse diesen Vergleich. Wagners Ring stelle mit einer Aufführungsdauer von ca. 16 Stunden im Vergleich zum voraussichtlich 29-stündigen Licht lediglich eine «Kurzgeschichte» dar, lautete ein Bonmot, das von Anfang an durch die Feuilletons geisterte. Entzündete sich die journalistische Gegenüberstellung mit dem Ring somit hauptsächlich am äußeren zeitlichen Umfang, so zeigt der Vergleich mit dem Parsifal, wie ihn das Sinfoniekonzert durch seine Programmgestaltung vornimmt, eine tieferliegende Gemeinsamkeit auf. Licht, das in den Worten Stockhausens «die Wahrheit von jetzt und ewig» musikalisch darstellen sollte, erscheint dabei als musikhistorisches Echo auf Wagners Kunstreligion –, ein Zusammenhang, von dem Stockhausen selbst allerdings, in Interviews darauf angesprochen, Zeit seines Lebens nichts wissen wollte. Für Wagner war es essenziell, dass Musik – anstelle der Religion – den Stellenwert eines welterklärenden Mediums erhält und aus diesem Ansinnen heraus komponierte er seinen Parsifal. Ein vergleichbares Konzept von musikalischer Weltdeutung verfolgte Stockhausen ein Jahrhundert später mit Licht.

Michaels Reise

In dramaturgischer Hinsicht ist Licht wie ein musikalisches Stationendrama organisiert, an dessen Ende die Läuterung der Protagonisten steht. Dass dasselbe Modell des Stationenwegs auch auf der kleinformalen Ebene der Teilstücke des Opernzyklus’ wirksam werden kann, zeigt der Blick auf Michaels Reise um die Erde für vier Solisten, Orchester, Dirigent, Klangregisseur. Das Stück entspricht dem mittleren Akt des dreiaktigen Donnerstag und illustriert mit musikalischen Mitteln eine Handlung. Nach seiner Herabkunft auf die Erde und seiner Menschwerdung im ersten Akt begibt sich Michael auf eine Reise um die Erde und passiert ausgehend von Köln verschiedene Stationen, die musikalisch jeweils charakteristisch gefärbt sind. Die Tour führt ihn westwärts in das von synkopierten Jazz-Rhythmen gekennzeichnete Milieu New Yorks über Japan, wo Geisha-Glocken erklingen, und Bali, das mit Anleihen an die dort traditionell verankerte Musikform des Gamelan untermalt wird, weiter nach Indien und schließlich nach Zentralafrika. In der für die Narration eines Stationendramas charakteristischen Form werden anschließend Reise- und Läuterungsmotiv verknüpft: Der Abschnitt «Umkehr» führt Michael in die entgegensetzte Richtung, nach Jerusalem, und bewegt ihn, metaphorisch gesprochen, zum Umdenken. So erkennt er auf seiner «Mission», so der Titel eines weiteren Teilabschnitts, die spirituelle Dimension seiner Reise, die in der Vereinigung zwischen Mann und Frau und dem Übertritt in eine mystische Realität zu liegen scheint. Der Trompeter Michael und das verführerische Sternenmädchen Eva in Gestalt einer Bassetthornistin vereinigen sich gegen Ende der Komposition sogar auf musikalische Weise und lehren sich gegenseitig ihre melodischen Formeln. Auf die Abschnitte «Verspottung» und «Kreuzigung», in denen das Duett der Liebenden von anderen Instrumenten nachgeäfft wird und Posaunen mit Tonschüssen und Salven dazwischenfahren, folgt die «Himmelfahrt» Michaels und Evas.

Der dritte Akt des Donnerstag, in dem Michael in das himmlische Reich zurückkehrt, greift diese Tendenz nach oben dann noch einmal auf. Der Weg, den Stockhausen für seinen musikalischen Protagonisten Michael vorzeichnete, war insgesamt stark autobiografisch und, wie es die Apotheose Michaels am Ende der Oper zeigt, auch von Wunschvorstellungen geprägt. Michael muss dieselben Verlusterfahrungen wie der junge Stockhausen während des Zweiten Weltkriegs durchleben: Stockhausens Mutter wurde 1941 ein Euthanasieopfer der Nationalsozialisten. Als sein Vater 1945 im Krieg gefallen war, wurde er Vollwaise. Diese biografischen Bezüge, die im ersten Akt des Donnerstag expressiv verbis im Operntext verarbeitet werden, lassen Michaels Reise um die Erde vor allem als persönliches Bekenntnis zu Leid und Erlösung erscheinen. 

Parsifals Rückkehr

Rettung aus der Not ist das zentrale Motiv auch der Dramaturgie im Parsifal. Wie Michael im Verlauf seines knapp 50-minütigen musikalischen Stationendramas so wird Parsifal durch eine Krise zu Erkenntnissuche und innerer Entwicklung bewogen und erlebt dabei eine Odyssee. Mit den Worten «zahllose Nöthe, Kämpfe und Streite zwangen mich ab vom Pfade» kommentiert Wagners Held im dritten Aufzug seine vorangegangenen Irrfahrten, die im Unterschied zur Reise Michaels allerdings einem altruistischen Ziel dienen. So wird Parsifal am Ende seiner spirituellen Heldenreise die Gralsgemeinschaft durch sein Mitleid von ihrem Leid erlösen können. Auch musikalisch lassen sich die Transformationsvorgänge der beiden Protagonisten vergleichen. In beiden Fällen werden die Läuterungsvorgänge durch musikalische Metamorphosen angedeutet, die in der Art von Filmmusik den Wechsel der Kulissen klanglich erfahrbar machen. Dem Wechsel der Soundscapes auf Michaels Unterfangen stehen dabei mehrere Umgestaltungen des musikalischen Ambientes im dritten Akt des Parsifal gegenüber, von der Verwandlung der Natur im Karfreitagszauber bis hin zum neuerlichen Spotlight auf die Szenerie der Gralsburg bei Parsifals Rückkehr. 

Spiritualität der Stille

Was kann nun das dritte, im Sinfoniekonzert am 8. September erklingende Stück, die Komposition mit dem Titel 4’33’’ als eine der bekanntesten Performances der Musikgeschichte zu diesen Zusammenhängen zwischen Stockhausens Licht und Wagners Parsifal beitragen? Die Antwort liegt im metaphysischen Gehalt, den das Stück des US-amerikanischen Komponisten John Cage aus dem Jahr 1952 zum Ausdruck bringt. Die Partitur zu der drei Sätze umfassenden und vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden dauernden Komposition enthält keinerlei Notentext. Die einzelnen Sätze sind lediglich mit der Aufführungsanweisung «tacet», mit der Aufforderung zum Schweigen also überschrieben. Die interpretierenden Musiker beschränken sich bei einer Aufführung daher darauf, drei Sätze voller Stille zu markieren. Da die Musik als Gefüge von Tönen in Cages Komposition Pause hat, rücken stattdessen die Geräusche des Publikums und die Umgebungsgeräusche des Raums während des Hörens in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Auch dieses unter dem Einfluss des Zen-Buddhismus und einer Ästhetik der Intentionslosigkeit entstandene Stück ist als religiös oder spirituell zu bezeichnen. Aufgrund seiner verknappten äußeren Dimensionen und seiner Fokussierung auf Stille markiert es aber einen fundamentalen Kontrapunkt zu Parsifal und Licht. In Cages Konzept invertiert das für Musik herkömmliche Verhältnis aus Klang und Stille ins Gegenteil. Stille dient hier nicht dazu, den Fluss der Musik in Form von Pausen vorübergehend zu unterbrechen, sondern Stille – das Nichts, die existentielle Fraglichkeit der Welt – wird zum eigentlichen Inhalt der Performance. Nur wo es Stille gibt, ist Stockhausen und Wagners Musik überhaupt möglich. 

    

Magdalena Zorn promovierte 2014 mit dem Thema Stockhausen unterwegs zu Wagner: Eine Studie zu den musikalisch-theologischen Ideen in Karlheinz Stockhausens Opernzyklus LICHT (1977–2003) im interdisziplinären Promotionsprogramm ProArt der LMU München, wo sie 2020 auch ihre Habilitation ablegte. Seit 2022 ist sie Professorin für Musikwissenschaft mit Schwerpunkt Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, Medien und Ästhetik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Forschungsaufenthalte führten sie unter anderem an das IRCAM in Paris, die Sorbonne Nouvelle sowie das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Sie leitete mehrere interdisziplinäre Forschungsprojekte, darunter das DFG-Projekt Die Licht-Räume der deutschen Nachkriegsavantgarde: Karlheinz Stockhausen und die Künstlergruppe ZERO. Darüber hinaus war sie als Dramaturgin am Theater St. Gallen tätig.

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