Christof Loy … Mein Seelenort: Los Austrias in Madrid - Deutsche Oper Berlin

Christof Loy … Mein Seelenort: Los Austrias in Madrid

Wo das alte Madrid lebendig ist: Christof Loy über das Viertel Los Austrias – und über seine Liebe zur spanischen Operette: der Zarzuela

Mein Seelenort ist »El Madrid de los Austrias«, also das Madrid der Österreicher. Der Name passt perfekt: Mein Lebensmittelpunkt ist nach wie vor Salzburg, in letzter Zeit bin allerdings beruflich immer wieder in Madrid, mit großer Freude. Das Viertel wurde nach seinen Erbauern benannt: Von der Mitte des 16. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts regierten die Habsburger in Spanien, machten Madrid zur Hauptstadt und prägten Stadtentwicklung und Architektur. Eine kulturelle Glanzzeit, das sieht man heute noch.

Los Austrias ist das alte Zentrum der Stadt, südlich der Gran Vía, nahe dem Teatro Real. Was mich hier sofort fasziniert hat, ist die besondere soziale Durchlässigkeit. Hier leben Arbeiter, Bürger und Großbürger Tür an Tür; aus der Mischung entsteht ein Lebensgefühl, das die Madrilenen »castizo« nennen. Es steht für den Stolz auf die eigene Tradition, die Verbundenheit mit der Geschichte, eine bestimmte Haltung, bestimmte Umgangsformen. Das mag konservativ klingen, ist aber überhaupt nicht rückwärtsgewandt. Im Gegenteil.

Man lebt aus einer Vergangenheit heraus und ist zugleich offen für die Gegenwart. Vielleicht ist das deutsche Wort, das man verwenden könnte, ein altmodisches: Würde. Die umsichtige Art, auf sich selbst zu achten und zugleich auf den anderen. Diese Würde kann sehr direkt sein. Was ich an den Madrilenen schätze, ist ihre Fähigkeit zu streiten, offen und unmittelbar, ohne daraus gleich eine lebenslange Feindschaft zu machen. Man gerät heftig aneinander, fünf Minuten später ist alles wieder gut. Davon kann man viel lernen. Man wird hier schnell Teil eines Gefüges, wird eingeladen, aufgenommen, fast selbstverständlich in familiäre Strukturen integriert. Die Familie hat in Spanien einen anderen Stellenwert, sie ist unhinterfragbares Zentrum. Dieses Prinzip überträgt sich auf Freundschaften. Darin liegt etwas sehr Entlastendes, man muss nicht alles ständig infrage stellen.

Wenn ich in Los Austrias bin, habe ich keine täglichen Rituale. Der Weg vom Theater in meine Wohnung reicht, um Teil des Stadtlebens zu werden. Ich lasse mich treiben, setze mich auf eine Terrasse oder verschwinde in einen der Second-Hand-Läden für Vinyl-Schallplatten, die es hier noch gibt. Die Gran Vía mit ihren Handelsketten und Touristenmassen ist nur zwei Blocks entfernt – und scheint doch weit weg.

Christof Loy in einer der Gassen von Los Austrias in Madrid
Los Austrias ist das alte Zentrum, benannt nach den österreichischen Habsburgern, die einst in Madrid residierten. Von hier aus erkundet Christof Loy die Welt der spanischen Operette © Michal Novak
 

In Madrid begann meine Beschäftigung mit der Zarzuela. Die Gattung entstand im 17. Jahrhundert in der Nähe der Stadt, verbreitete sich bald über ganz Spanien bis nach Lateinamerika. In ihrer Blütezeit war sie echtes Volkstheater, warm, unmittelbar, voller Energie. Allein in Barcelona gab es im 19. Jahrhundert mehr als dreißig Zarzuela-Theater. Nach meiner ersten Zarzuela-Aufführung war ich überwältigt, erinnerte mich an die Operetten, die ich als kleiner Junge mit meiner Großmutter besucht hatte. Die Identifikation, die Nähe, die Selbstverständlichkeit, mit der Bühne und Zuschauer einander tragen – das hat mich tief berührt. Umso erstaunlicher, dass selbst in Spanien viele mit der Gattung kaum noch etwas anfangen können.

Dabei ist die Zarzuela viel mehr als Musiktheater. Sie ist subversiv, hinterfragt soziale Strukturen, spielt mit Geschlechterrollen, macht sich lustig über Machismo und männliche Selbstgewissheiten. Frauen sind meist die Klügeren. Dass davon so viel verschüttet wurde, hat auch mit dem Franco-Regime zu tun, das die Zarzuela für einen falschen Nationalstolz vereinnahmte und sie damit ihres Kerns beraubte. Man reduzierte sie auf das Eingängige, Behagliche, obwohl in ihr von Anfang an viel mehr steckte.

Diese Vielfalt möchte ich mit unserem Abend zeigen: die Lebensenergie, aber auch die Melancholie, die Tiefe, die Traurigkeit. Bekanntes neben Verschüttetem, Raritäten, die wir erst wieder freilegen mussten. Es soll ein Kaleidoskop entstehen, wir wollen zeigen, wie reich die Zarzuela ist. Mit sieben Sängerinnen und Sängern erzählen wir keine lineare Geschichte, sondern wir gehen auf eine emotionale Reise: Begegnungen, Trennungen, Wiederannäherungen, wie im »Reigen« von Arthur Schnitzler. Ich werde selbst ein paar Worte zu einzelnen Stücken sagen – in der Hoffnung, dass sich an diesem Abend etwas von jenem Zauber zeigt, der die Zarzuela für mich so besonders macht.

 

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